Leseproben und Textauszüge aus den Büchern von Rüdiger Paul Paul.
Gleichsam einem alten Gemälde entsprungen duckt sich der klägliche Rest des Merseburger Sixtiviertels im Schatten des Wasserturmes. Der Turm ragt stolz in den Himmel, ist aus der Silhouette Merseburgs nicht mehr wegzudenken. Bei genauerem Hinsehen wirkt er aber ebenso müde und abgezehrt wie sein mit Gitterzäunen versperrtes Umfeld. Rings um diesen Hügel liegt ein Stück Merseburger Geschichte begraben.
In sternenlosen Neumondnächten, wenn der Turm keinen Schatten mehr wirft, treffen wir uns hier oben am Rande des Wasserbassins. Wir, das sind die Spukgestalten alter Merseburger und die Geister der neu dazu Gestorbenen. Eben all jene, die Merseburger Geschichte geschrieben haben: Schuster, Hebammen, Kesselflicker, Lehrer, Bauherren, Bäcker, Pferdeburschen, Adelige, Musiker, Stellmacher, Bauern, Schreiberlinge, Tagelöhner, Fotografen, Sänger, Friedhofsgärtner, Brauherren, Soldaten, Kirchendiener und Kohlehändler. Alte und junge, Arme und Reiche, sowie die Bösen und Sanftmütigen der Stadt unter einem Dach – wo hat man derartiges in Merseburg schon gesehen?
Meist ist der Turm knackevoll. Froh ist, wer einen Platz am Rande des Beckens gefunden hat. Der Rest steht oder schwebt. Wassergeister schwimmen natürlich. Ohne uns gäbe es gar keine Geschichten. Weder gute noch schlechte, diese nicht und keine anderen. In unseren Geschichten verschwimmt die Wirklichkeit, vermischt sich mit Erlebtem und lässt der Phantasie freien Lauf. Null Uhr schlägt die Turmuhr der Neumarktkirche. Nun bildet sich auf der Wasseroberfläche ein dünner Nebel. Das Wasser bekommt eine leuchtend blaue Färbung. In der Kuppel des Turmes mischen sich gelbe, grüne und blaue Luftschleier. Heute ist es an mir, eine Geschichte zu erzählen. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Hoppenhaupt. Johann Michael Hoppenhaupt. Merseburg lag mir zu meiner Zeit auf Erden sehr am Herzen. Deshalb entwarf ich für Merseburg barocke Bauwerke. So zum Beispiel den Schlossgartensalon, die Kirche in Oberbeuna, den Herzogspavillon in Bad Lauchstädt, eine Mühle in Holleben. Prunksärge in der Merseburger Fürstengruft tragen meine Handschrift. Die Kraft meiner Phantasie hat Geheimnisse in vielen meiner Kunstwerke verewigt. Besonders am Herzen lag mir die Obere Wasserkunst. Herzog Heinrich von Sachsen-Merseburg übertrug mir die Aufgabe, die maroden Gebäude der Oberen- und Unteren Wasserkunst in Stein zu errichten.
Ein neu erschaffenes Pumpwerk und bleierne Röhren sollten die Obere Altenburg, das Schloss sowie die Domfreiheit mit Saalewasser versorgen. Wer zählt schon die Skizzen? Die Versuche, mich dem Ziel zu nähern. Im Schein einer rußenden Petroleumlampe mühte sich mein Geist oftmals, bis mir die Augen zufielen. Als endlich 1738 im Beisein des Herzogs Saalewasser durch die Röhren strömte und sich die Tröge auf dem Schlossberg mit klarem Wasser füllten, war das Werk vollendet. Von diesem Tag an beflügelte das Plätschern des einströmenden Wassers meinen Geist. Mit diesem über dem Portal der Wasserkunst in Stein gehauenen Spruch sollte dem Baumeister gehuldigt werden: „So faß die Kunst in Bley und Röhren Deß Wassers eingeschränkte Fluth. Ein Druckwerk muß das Steigen mehren Das doppelt treibt und niemals ruht. Diß Theurer Heinrich ist Dein eigen Du baust es neu und nutzbar auf. Gott lasse Deiner Jahre Lauff Wie diese Kunst beständig steigen." (Anno 1738)
Unweit der Wasserkunst fand ich auf dem Altenburger Friedhof meine letzte Ruhestätte. Aber man stirbt nicht so einfach, ist nicht so plötzlich weg, wie es den Lebenden erscheint. Quirliges Plätschern ließ im Jahre 1889 meinen Geist erwachen. Erstmals verließ ich den Platz, der seit einhundertachtundvierzig Jahren als meine letzte Ruhestätte galt.
Dem vertrauten Lied des Wassers entgegen strömte ich mehr, als dass ich lief. Die Dinge, welche mir als Mensch im Wege standen, konnte ich nun durchdringen. Was war geschehen? Hatte sich mein Geist tatsächlich von den Überresten meines Körpers entfernt? Mit einem Mal hatte ich es eilig, an die Quelle des Ereignisses zu gelangen. Rund um die Kirchenruine der St. Sixti wurde ich einer Baustelle gewahr. Ein Ingenieur namens Pfeffer war beauftragt, ein Wasserwerk zu erschaffen, welches die Häuser der Stadt Merseburg mit Wasser versorgen sollte. Oben in der neu errichteten Turmkuppel wurde ein Speicherbehälter aus Stahl eingebaut. Er maß in seinem Durchmesser zwölf Meter und fasste ganze 770 Kubikmeter Trinkwasser. Auf der Baustelle wurde bis zur letzten Minute gesägt, gebohrt, gerüstet, gehievt, genietet, gefeilt und geschliffen.
Gerade am heutigen Tag sollte der Turm seiner Bestimmung übergeben werden. Bürger der Stadt, Handwerker und viele Bewohner des Sixtiviertels folgten der feierlichen Einweihung. Es war eine Freude für mich, unbeschwert dem Tun zu folgen. Als ich erfasste, mit welchem Geist dieser Bauherr ans Werk ging, fiel mir mein Sinnspruch wieder ein: „Du baust es neu und nutzbar auf. Gott lasse Deiner Jahre Lauff. Wie diese Kunst beständig steigen.“ In der Kuppel traf mich ein vom klaren Wasser reflektierter Sonnenstrahl, ließ mich über die Geschichte der Wassers in dieser Stadt sinnieren. Dabei musste ich wohl eingenickt sein. Jahre vergingen und viel Wasser floss die Saale hinunter. Jäh wurde ich fast einhundert Jahre später, also im Jahre 1985, von einem gurgelnden Geräusch aufgeschreckt. Als ob das Wasser selber um Hilfe riefe. Der Hilfeschrei ertönte eindeutig aus der Wasserkuppel der St. Sixti-Ruine. Eile schien geboten. Kaum zu glauben, was sich im Turm vor meinen Augen abspielte. Der harte Kern der Merseburger Geisterwelt spukte aufgebracht rings um das Wasserbecken, in welchem mit höllischer Kraft ein Wasserstrudel tobte. Es war, als hätte jemand den Stöpsel herausgezogen. Wassergeister und Nixen retteten sich gerade noch an den stählernen Rand des Bassins. Immer weiter sank das Auge des Strudels in die dunkle Tiefe, bis der letzte Schwall mit einem herzzerreißenden Hilferuf hallend im Steigrohr nach unten preschte. Totenstille hier oben. Nur der Wind strich um die Ecken des Turmes, ein paar Tauben gurrten. Alle Anwesenden schauten sich doppelt entgeistert an. Was war geschehen?
Nahe dem Gut Werder, am Rande der Stadt, war in den vergangenen Jahren ein Wasserwerk gebaut worden. Schlicht in der Ansicht, zweckmäßig, architektonisch nichts Besonderes. Mit Wasserkunst hatte diese graue Maus wenig zu tun. Man verbaute, wie es hieß, modernste Technik, aus dem Lande Lenins. Zwei riesengroße Pumpen sollten von nun an den Dienst des Wasserturmes übernehmen. Eine Pumpe für die Versorgung, die zweite stand ausschließlich für den Reservefall bereit.
Aufgeregt drängelten sich die Geister in der Turmkuppel, keiner konnte begreifen, was hier geschah. „Erst hat man uns die Häuser des Sixtiviertels genommen. Nun, da wir in diesem Turm ein neues Zuhause gefunden haben, wird uns das Wasser verwehrt!“, rief der Geist des einstigen Baumeisters Pfeffer.
Indes hatten sich die Mitarbeiter in der Maschinenhalle des Wasserwerkes zur Pumpenweihe eingefunden. Alle Schlosser trugen frisch gewaschene Arbeitsanzüge, das Anlagenpersonal gefiel in bunten Dederon-Schürzen. An der Wand klingelte das schwarze Telefon. Der Meister nahm den schweren Hörer von der Gabel und meldete sich. Vom anderen Ende der Leitung bekam er die Mitteilung, dass der St. Sixti-Wasserturm endgültig außer Betrieb genommen wurde. Freudig erregt legte er den unförmigen Hörer auf die Gabel zurück. Er durchmaß mit stolzem Schritt die Maschinenhalle und nestelte dabei aufgeregt an seiner schwarzen Ledermütze. Am großen Schaltschrank direkt neben den Pumpen hatten sich die Kollegen aufgestellt. Der Meister betätigte den Hauptschalter. Unter gewaltigem Dröhnen fuhr die Druckpumpe an und förderte von Stund an Trinkwasser in das Rohrnetz der Stadt. Seliger Glanz stieg vorübergehend in des Meisters Augen.
„Wie kann man dieser Willkür Einhalt gebieten?“, fragte ich mich. Oft genug gingen mir Gedanken über die zerstörerische Kraft des Wassers durch den Kopf. Mit diesem Wissen fasste ich einen einsamen Plan. Mitten in der Stadt, an der Kreuzung Magistrale/Gotthardstraße, stand sich selbst überlassen ein Schlosser. Er hatte die Aufgabe, das Entlüftungsventil zu öffnen, damit die Luft aus dem Rohrsystem entweichen konnte. Lenin stand auf seinem Denkmalsockel und schien gelassen dem emsigen Alltagstreiben im Stadtzentrum zu folgen. Er ahnte nicht, was sich in der Erde direkt unter ihm zusammenbraute. „Warte nur mit deiner Technik! Von wegen unseren Wasserturm trockenlegen!“, grummelte ich etwas verstimmt. Meine übersinnlichen Kräfte reichten aus, den Schlosser zu beeinflussen. Verträumt stand der neben dem Schieber und verfolgte die Kondensstreifen eines Flugzeuges. Darüber vergaß er seine Aufgabe. Der Schlosser setzte sich auf den Bordstein und blickte ins Leere. Nun nahm das Schicksal seinen Lauf. Die neue Pumpe drückte mit enormer Kraft Wassermassen in die Hauptleitung. Das zum Stadtzentrum hinströmende Wasser schob eine Luftblase vor sich her, welche sich mehr und mehr verdichtete. So entfalteten sich in dem Rohr ungeahnte Kräfte und es kam, was kommen musste. Der aufgebaute Druck war so hoch, dass er sich mit einem zerstörerischen Knall den Weg ins Freie bahnte. Erschrocken zuckte der Schlosser zusammen. Er sah nur noch, wie der blaue Entlüftungsschieber hoch über ihm seine Bahn zog. Im Wasserwerk bemerkte man den plötzlichen Druckabfall, meinte aber, das hinge mit der Inbetriebnahme der Pumpen zusammen. Also lief der Meister zum großen Schaltschrank. Rückte erneut den abgewetzten Schirm seiner schwarzen Ledermütze zurecht und tat etwas sehr Verhängnisvolles. Er schaltete per Knopfdruck die Reservepumpe zu. Dadurch verdoppelte sich der im Rohr anstehende Druck. War mein alter Sinnspruch etwa doch eine Zauberformel? „So faß die Kunst in Bley und Röhren Deß Wassers eingeschränkte Fluth. Ein Druckwerk muß das Steigen mehren Das doppelt treibt und niemals ruht.“ Genau das geschah! Zu Lenins Füßen schoss eine meterhohe Fontäne in den Merseburger Abendhimmel. Die Asphaltdecke riss auf, darunterliegende Pflastersteine wurden ausgespült. Wie ein Vulkan spie das tobende Wasser Sand, Steine, Schotter in die Höhe. Schnellen Schrittes, geduckt und mit eingezogenen Köpfen, versuchten Passanten sich dem herabregnenden Trinkwassermassen zu entziehen. Vor dem Denkmal entstand ein riesiger wassergefüllter Krater. Die Straßenbahngleise sackten ab. Auch das Fundament des Lenindenkmals wurde vom ständig nachdrückenden Wasserstrom unterspült. Dadurch neigte sich die riesige Bronzeskulptur allmählich nach Osten. Polizei, Feuerwehr und natürlich Schaulustige bildeten die Kulisse für dieses Drama der Wasserkunst. Der eilig herbeigerufene Bereitschaftsdienst stand Kopf. Ein Herr im braunen Anzug, dem ich bei der Einweihung der neuen Pumpen begegnet war, sprang aus dem Auto und schrie völlig entgeistert: „Alles, nur nicht Lenin!“ Das auf ihn herabprasselnde Wasser erstickte seinen einsamen Schrei. Vorhin in der Maschinenhalle sprach er noch von einer neuen Ära und der modernen Technik aus dem Lande Lenins und von Planerfüllung. Nun schien alle Zuversicht aus ihm gewichen. Vollkommen durchnässt, mit hängenden Armen und gesenktem Kopf, schaukelte er mehr, als dass er ging, seiner bangen Zukunft entgegen. Aus seiner Perspektive erschienen ihm die Oberleitungen der Straßenbahn wie Fallstricke. Im Scheine der untergehenden Sonne drohte Lenin direkt in dieses Geflecht aus Stahlseilen zu kippen.
Nun war es an mir. Es bedurfte einiger telepathischer Kunstgriffe, um den Meister im Wasserwerk zu bewegen, endlich die gewaltigen Pumpen abzustellen. Aus der ungebändigt austretenden Fontäne wurde allmählich ein Springbrunnen. Nach kurzer Zeit blieb davon nur noch ein weicher Wasserstrahl übrig, welcher mit letzter Kraft versuchte, einen Bogen zu erzeugen. Aus! Schlagartig war es still. Totenstill! Im Rinnstein plätscherten noch vereinzelte Rinnsale in Richtung Kanalisation. Um das Sixtiviertel wieder mit Trinkwasser zu versorgen, aktivierte man eilig den gerade erst außer Betrieb genommenen Wasserturm. Frischer klarer Quell sprudelte noch am späten Abend in das Speicherbassin. Ein Wassermann rutschte vom Rand in die Fluten. Bald darauf stiegen vorsichtig zwei Nixen in das klare Nass. Der Bademeister vom alten Saalebad nahm Anlauf und versuchte es wie in seinen besten Zeiten mit einer Arschkrampe. Sah gut aus, spritzte aber nicht. Geist halt! Ganz unvermittelt tauchte eine Glatze aus dem Wasser auf. Das war der Saalealf. Er hob seinen Kopf aus dem Wasser und nuschelte wässrig: „Leude, esch ischt gleisch Einsch!“ Der erste Stundenschlag tönt von der Neumarktkirche her. Das blaugrün schimmernde Licht hinter den Fensterscheiben des Turmes der St. Sixti erlischt. Die illustere Gesellschaft löst sich in nichts auf und der Spuk findet für eine weitere Geisterstunde sein gutes Ende.
Nebel
Elfenbein
tritt ins Auegras
leicht und weich
es schwebt
Nebel weht
Seidenschleier
umhüllt sanft
ein Geheimnis
lässt werden
Nebel steht
Zeitstrom
nimmt mit
das Leichte
macht es fest
Nebel geht
Seelenwein
tränt ins Glas
rot und schwer
und tröstet
Nebel verweht
Bodenkrume
klebt
erden und zäh
am Fuß
Leben vergeht